DIE VORLESEGESCHICHTE
Es war ein kalter Novembertag. Draußen pfiff der Wind um die Fenster und drinnen war Laura seit einer halben Stunde so laut an ihrem Kleiderschrank zugange, dass ihr kleiner Bruder Linus sich einfach nicht auf sein Puzzle konzentrieren konnte. Linus stand auf und ging in Lauras Kinderzimmer. „Was machst du denn für einen Krach?“, fragte er seine Schwester.
Laura stand in einem Berg von Klamotten. „Ich kann mich einfach nicht entscheiden“, rief sie und ließ sich aufs Bett fallen. „Ich hab sooo viel Krams!“
„Na und?“, wunderte sich Linus.
„Im Ernst. Ich bin auf der Suche nach einem richtig tollen Stück, das ich nachher zum Martinsfest mitnehmen kann. Für Meins wird Deins.“
„Was wird meins?“, wunderte sich Linus.
„Nicht deins“, sagte Laura.
„Aber du hast gesagt, deins wird meins.“
„Nein, ich hab nicht ... Oh, doch, ich hab.“ Die beiden sahen sich kurz an, dann mussten sie laut lachen. „Also Meins wird Deins ist eine Aktion, bei der wir als Schule mitmachen“, erklärte Laura. „Dafür suchen alle zuhause ein richtig gut erhaltenes Kleidungsstück aus, das sie teilen möchten. Die Klamotten schicken wir gesammelt mit der Post los. Dann wird alles weiterverkauft. Und mit dem Geld werden Kinder unterstützt, die Hilfe brauchen.“
Linus sah auf seine Socken. Einer hatte am großen Zeh ein beeindruckendes Loch. „Na, die will bestimmt keiner haben!“, lachte Laura, und griff nach ihrer dunkelgrünen Sommerjacke. „Hier, die hab ich total gern angehabt. Aber nur diesen Sommer. Jetzt passt sie mir schon nicht mehr richtig. Ist aber wie neu. So was brauchen wir für Meins wird Deins!“
„Ah, okay. Und das Klamottensammeln geht nur heute?“, fragte Linus.
„Nein, aber unsere Lehrerin Frau Palme sammelt alle Kleiderspenden neben ihrem Weckmann-Stand. Dann kann sie danach alles zusammen verschicken. Ich finde, das passt total gut zu Sankt Martin: Sankt Martin hat ja auch geteilt.“
Linus runzelte verwirrt die Stirn. „Sankt Martin? Hallo?“
Laura zwickte ihren Bruder in die Seite. „Du weißt schon, worum es da geht, oder?“